Wir sind nun Zeitzeugen – Hauptartikel

Veröffentlicht am 12. Januar 2019

34 Gymnasiasten besuchten Konzentrationslager Majdanek und Vernichtungslager Belzec

Warstein/Lublin – Ein Orchester, das den ganzen Tag Tanzmusik spielt, während 18400 Menschen erschossen werden. SS-Offiziere, die genüsslich in einem Raum im Krematorium baden, während nebenan Leichen verbrannt werden und so die Wärme für das Aufheizen des Badewassers liefern.

Was sich anhört wie aus einem schlechten Spielfilm, war im deutschen Konzentrationslager Majdanek in Ost-Polen vor mehr als sieben Jahrzehnten Realität. Diese Fakten und noch viel mehr erfuhren 34 Schülerinnen und Schüler des Europa-Gymnasiums Warstein im Rahmen ihrer fünftägigen Studienreise unter dem Titel „Spurensuche Nationalsozialismus in Lublin“.
Möglich war die Fahrt nur durch die Unterstützung mehrerer Sponsoren, darunter auch die „Ippen-Stiftung“ unserer Zeitung, die 8 000 Euro beisteuerte.
Seit 1999 organisiert das Gymnasium Warstein Gedenkstätten- Fahrten. Bislang waren die Ziele aber Auschwitz und Birkenau sowie Buchenwald. Rosa Lindenberg,
ehemalige Lehrerin, selbst mehrfache Mitfahrerin, war nach einer Fortbildung in Ostpolen Ideengeberin für ein neues Ziel: Lublin mit dem Konzentrationslager
Majdanek und dem 125 Kilometer entfernten Vernichtungslager Belzec. Damit traf sie in der Schule beim Organisationsgremium der Fahrten (Susanne Quint, Larissa
König, Stefan Rheims, Jan Harlaß) auf offene Ohren und beim „IBB e.V.“ (Internationales Bildungs- und Begegnungswerk mit Sitz in Dortmund) auf einen passenden
Anbieter. So sorgten die drei Leiterinnen Katarzyna Ciurapinska, Barbara Dudek und Agniesyka Bartula sowie Hospitant Anton Tsvid nicht nur für eine reibungslose An- und Abreise sowie Hotel-Unterbringung, sondern auch für ein Schüler-gerechtes Programm vor Ort inklusive pädagogischer Vor- und Nachbearbeitung.
Am Abschlusstag organisierten die Gymnasiasten im Anschluss an die vertiefende Gruppenarbeit im Museum Majdanek auch noch eine Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus und legten nach einerSchweigeminute ein Blumengesteck mit Blüten in den polnischen Nationalfarben nieder.

Mehr Ruhe als in Auschwitz

„Es waren sehr intensive und eindringliche Erfahrungen“, resümierte Lehrerin Susanne Quint die Studienreise, „man sollte es unbedingt wiederholen.“ Den größten Vorteil  gegenüber den bisherigen Auschwitz-Fahrten sieht sie „in der Ruhe: man kann schauen, nachdenken, überlegen…“ Das sei angesichts der Tourismusströme in Auschwitz kaum mehr möglich, „da ist man ständig vonTouristen umgeben, die einem über die Schulter schauen und weiterdrängen“. In Majdanek können man sich „die Zeit nehmen, die man braucht“.

Dass man die Reisezu den „Vergessenen Orten des Holocausts“, so heißt dasmProjekt im Gymnasium, unternahm, hat noch weitere Gründe: „Belzec war eine reine Vernichtungsstätte, kein Lager“, so Lehrer Jan Harlaß. „Das ist eine deutlich andere Erfahrung als ein Konzentrationslager. 500 000 Menschenleben in sechs Monaten – diese enorme Effektivitätbeim industriellen Massenmord ist unvorstellbar. Mit Izbica als Ghetto sowie Lublin als Planungszentrum und Ghetto bietet die Fahrt einen Blick über die Verbrechen hinaus an: einen kleinen Einblickin die Logistik hinter den Massenmorden.“Auch bei den Schülern hinterließ die Fahrt in das 1200 Kilometer entfernte Lublin bleibende Eindrücke: „Durch die Reise nach Polen und die Besichtigung der Konzentrationslager erlangten wir unvergessliche und lehrreiche Informationen zum Thema Holocaust“, resümierte Schüler Elias Schaminet. „Besonders wichtig ist es, diese Eindrücke auch im gewohnten Umfeld zu teilen. Insbesondere die Menschen, welche die zurückliegenden Gräueltaten anzweifeln, müssen involviert, berichtigt und aufgeklärt werden, um nicht erneut in den Weg der Diktatur zurückzufallen.“ Vorherige Kenntnisse seien deutlich vertieft und intensiviert worden, durch den Besuch diverser Gedenkstätten habe man „eine andere Sichtweise auf dieses wichtige Themenfeld“ erlangt. Elias Schaminet: „Alle Teilnehmer sind nun Zeitzeugen und extrem wichtig, um die Zukunft auf europäischer Ebene demokratisch zu gestalten. Ich fühle mich selbst in der Verantwortung, diese Ereignisse aus oben genannten Gründen sowie aus Respekt gegenüber den Opfern zu teilen und aktiv zu werden, um nicht erneut in eine so schreckliche Zeit zurückzufallen.“

Ausstellung im Haus Kupferhammer geplant

„Die Reise zur Gedenkstätte zeigte mir deutlich, dass das, was damals während des 2. Weltkriegs passiert ist, nicht noch einmal passieren darf“, lautete das Fazit von Yannik Enste. „Am deutlichsten zeigten mir dies das ehemalige Konzentrationslager „Majdanek“ und das dortige Krematorium. Warum man jedoch von solchen Taten und solch einer Ideologie überzeugt sein kann, ist und bleibt für mich unverständlich.“ Für Joel Krischer sei die Gedenkstättenfahrt nach Polen „eine einzigartige Möglichkeit, die jeder einmal erfahren haben sollte“: „Diese Erfahrungen können vor allem bei aktuellen Themen, wie zum Beispiel der Flüchtlingsdebatte, helfen, mehr Toleranz zu zeigen.“ „Es waren Momente, die meine Mitschüler und ich niemals vergessen werden“, so Niklas Schulte: „Für mich war die Reise nach Lublin/Majdanek sehr lehrreich und prägend.“

Mit der Rückkehr am Freitag nach Warstein – nach 15- stündiger Hinfahrt dauerte der Weg zurück nach anderthalbstündiger Pannen-Pause knapp 16 Stunden – ist die Auseinandersetzung mit dem Thema aber noch nicht vorbei: Die 13 Schülerinnen und Schüler aus dem Projektkurs „Vergessene Orte des Holocausts“ werden sich nun an ihre benoteten Facharbeiten begeben. Alle werden zusammen eine Ausstellung über die Fahrt gestalten, die Anfang März im Haus Kupferhammer eröffnet wird.

Von: Christian Clewing, Soester Anzeiger vom 12.1.19.

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