Warsteiner gedenken der Opfer des NS-Terrors – Schulen beteiligt

Veröffentlicht am 10. November 2018

Erinnerung im Warsteiner Gemeindezentrum St. Pankratius an Schreckensnacht vor 80 Jahren . Wie man dem Hass gegen andere entgegentreten kann.

Es ist eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, das sich an diesem Wochenende zum 80. Mal jährt: Die Reichspogromnacht vom 9. November 1938.

Brennende Synagogen, zertrümmerte Schaufenster, geplünderte Geschäfte und die Demütigung tausender Juden sollten dabei nur die Vorboten für die sich anschließende Judenverfolgung sein.

Doch obwohl diese Geschehnisse inzwischen beinahe ein ganzes Jahrhundert zurückliegen, so sind sie doch gerade heute wieder näher, als man zu vermuten wagt. Schließlich spielten sich jene schrecklichen Ereignisse auch in der Wästerstadt ab – und zwar unmittelbar vor der Haustür.

Und wenngleich die Erinnerung noch immer schmerzhaft ist, so galt es in Warstein doch als Notwendigkeit, gemeinsam der Opfer dieser Nacht zu gedenken und an ihr Schicksal zu erinnern.

„Erinnern für die Zukunft“ lautete daher der Titel des Gedenkabends am Donnerstag, der nach einem gemeinsamen Besuch auf dem jüdischen Friedhof (wir berichteten) im örtlichen Gemeindezentrum seine Fortsetzung fand.

Aufgabe der gesamten Gesellschaft

Dass Fremdenhass und Antisemitismus gerade in der heutigen Zeit angesichts zunehmender rechtsradikaler Gruppierungen wieder Grund zur Sorge bieten, betonte Bürgermeister Dr. Thomas Schöne in seinem Grußwort, das er im Namen des Landesverbandes der jüdischen Gemeinde von Westfalen-Lippe verlas.

„Eine Wiederholung der damaligen Ereignisse darf nicht zugelassen werden“, betonte der erste Bürger der Stadt. „Das ist nicht alleine die Aufgabe der jüdischen Gemeinschaft, sondern der gesamten Gesellschaft“. Diesen Worten schloss sich auch der gebürtige Arnsberger und Theologe Prof. Dr. Peter Schallenberg an, dessen Gedenkansprache den Höhepunkt des Abends präsentierte.

In fünf Schritten geleitete er die Anwesenden zu einem tiefgründigen Appell. Den Anfang bildeten dabei seine eigenen Erinnerungen: So ist der Theologe durch die Erzählungen seiner Großmutter bereits als Jugendlicher mit den Geschehnissen des Nationalsozialismus in Erfahrung getreten.

„Das war etwas ganz sonderbares, zu hören, dass jemand von dieser furchtbaren Zeit erzählte“, so Schallenberg. Das Auftreten der Nazis sei dabei ein einziger Appell an den inneren Schweinehund des Menschen gewesen.

Doch wie es sein konnte, dass ein solcher Appell Erfolg hat, darauf wusste der Professor selbst keine Antwort. „Vielleicht war es der präfrontale Kortex, in dem das Empathievermögen verankert ist, welcher ausgeblendet wurde“, suchte er eine Erklärung für das Vergehen der Nationalsozialisten.

Liebe und Respekt füreinander

Vielleicht war es aber auch seine Definition des „Bösen“, die eine Antwort auf die Frage „Warum?“ liefern konnte: „Das Böse ist ein unbegreiflicher Hass auf den anderen Menschen, der sich wie Normalität allmählich ins Bewusstsein frisst“. Und was haben wir aus diesen Ereignissen gelernt?

Artikel Eins des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ kann dabei laut dem Theologen nur ein Sprungbrett für die Zukunft sein, wobei die Verhinderung von Ereignissen wie die Reichspogromnacht in den Händen jedes Einzelnen liegt: „Man sollte sich nicht nur erinnern und vornehmen, dass so etwas nicht mehr vorkommen darf, sondern darüber hinaus die Lücke ausfüllen, die der Staat nicht füllen kann“, appellierte Schallenberg.

Und diese Lücke sei die Liebe, mit denen man seinen Mitmenschen begegnen sollte, schließlich mache es einen noch nicht glücklich zu wissen, dass der Nachbar einen nicht umbringen wird. Vielmehr sei es der Respekt und die Menschenachtung, die man einander entgegen bringen sollte.

„Das könnte vielleicht auch ein Vorsatz für das nächste Jahr sein“, appellierte der Professor, der sich für seinen gelungenen Vortrag anschließend ins Goldene Buch der Stadt Warstein eintragen durfte.

Beteiligung der Schulen

Doch dieser war nicht der einzige, der den Abend aktiv mitgestaltete. So waren neben der musikalischen Begleitung durch den Kammerchor „Vox Humana“ auch die örtlichen Schulen zu diesem Abend eingeladen.

Mit Gedenkkarten, Gedichten und Briefen von damaligen Zeitzeugen trugen auch sie dazu bei, dass der Vorsitzende des Arbeitskreises „80 Jahre Reichspogromnacht“, Dietmar Lange, abschließend auf einen guten Abend mit vielen unterschiedlichen Bereichen zurückblickte.

Aus: Westfalenpost Warstein vom 10.11.2018.

 

Spurensuche mit Vorbildfunktion  – Von Reinhold Großelohmann

 

Es war eine vorbildliche Art und Weise, mit der man sich in diesem Jahr in Warstein an die entsetzlichen Geschehnissen der „Reichspogromnacht“ vor 80 Jahren erinnert hat. Den Bürgerinnen und Bürgern, die die Aktionen in einem eigens eingerichteten Arbeitskreis vorbereiteten, muss großes Lob attestiert werden. Nach dem Projekt „Stolpersteine“ haben sie erneut unter Beweis gestellt, dass man in Warstein mit dem jüdischen Erbe verantwortungsvoll umgeht. Insbesondere die Rundgänge in Belecke, Sichtigvor und Warstein an Orten, wo die einstigen Wohnhäuser der jüdischen Familien, die Friedhöfe und die Synagoge stand, sind angetan, die Erinnerung an das Geschehene wach zu halten.
Der Abend des Gedenkens im Gemeindezentrum St. Pankratius und auf dem Jüdischen Friedhof wurde zu einem Appell, für Frieden und Miteinander einzutreten. Den vielen, die beteiligt waren, muss dafür große Anerkennung ausgesprochen werden. Die Wichtigkeit solchen Gedenkens steht gerade in Zeiten, da rechtsextremes Gedankengut wieder öffentlich geäußert wird, außer Frage. Die „Spurensuche“ sollte fortgesetzt werden. Was man fand und findet ist eine verantwortungsvolle, menschliche Gesellschaft, die sich dem Wert all ihrer Mitglieder, insebesondere aber auch der Minderheiten, bewusst wird.

 

Aus: Soester Anzeiger vom 10.11.18.