Q1 feiert mit „Die Vorstellung“ großen Erfolg beim Publikum

Veröffentlicht am 28. Juni 2018

Literaturkurs begeisterte das Publikum mit gesellschaftskritischer Komödie

Fiktion oder Wirklichkeit? Schein oder Sein? Mit einer ganz besonderen Theateraufführung wartete der Literaturkurs der Qualifikationsstufe 1 des Europa-Gymnasiums an den vergangenen beiden Tagen auf. Unter der Leitung ihrer Deutschlehrerin Nicole Kirsch hatten die Jugendlichen die gesellschaftskritische Komödie von Peter Reul „Die Vorstellung“ auf die Bühne des Forums gebracht und bereits bei ihrer Premiere am Dienstag stürmischen Applaus der zahlreichen Zuschauer geerntet.

Im Wartezimmer von „Dr. Müller“ treffen sie sich. Die hilfsbereite, etwas naive, junge Frau mit dem Blumenkränzchen im Haar und der „Großzehenendfraktur“ (verursacht durch ein Nutellaglas), der etwas kauzige, ungeschickte Ornithologe, der „nicht nur gut mit Vögeln kann“, Frau Dr. Meisenberg, der gleichermaßen Empathie und anzubietende Taschentücher fehlen und – last but not least – Murat, der typisch-türkische Kleinkriminelle. Die Figuren treffen in unterschiedlicher Konstellation immer wieder aufeinander. Im Park, im Supermarkt, im Café. Es kommen weitere Personen dazu. Der Latin Lover, die schwerhörige, doch resolute Omi, der Russenmafia- Boss „Wladi“, das Schwulenpärchen, die verpeilte Arbeitssuchende, die selbstbewusste, erfolgreiche Freundin, Männer in kaputten Beziehungen, die Kellnerin und Renate, die frustrierte Ehefrau, die mehr und mehr dem Cognac zuspricht.

Die Protagonisten lernen sich kennen und entfernen sich voneinander, verlieben und verletzen sich, kommunizieren, missverstehen oder ignorieren sich. Alltag findet statt. Verwirrung im Publikum stiftet dann der Auftritt des „Autors“ – zeigt doch seine Story exakt die Szenen auf, die sich zuvor auf der Bühne präsentiert hatten.

Und welchen Part übernimmt „Der Fremde“, der stets zunächst nur Betrachter der Szenen zu sein scheint? Ausgerechnet dieser sonnenbebrillte „Statist“ bringt schließlich Licht ins Dunkel der Szenerie. „Das ist keine Bushaltestelle. Dies ist eine Bühne! Und hier ist auch keine Rennbahn – ich jedenfalls habe keine Pferde gesehen“, führt er die Zuschauer mit unverhohlener Ironie ins Hier und Jetzt zurück. Dies gipfelt darin, dass sich Eltern, Familienangehörige und Mitschüler plötzlich den Akteuren gegenüber gestellt sehen. Die Figuren finden im Stück eben in dieser Theater-Vorstellung zusammen, sitzen auf ihren Rängen und betrachten ihr Publikum. Wer ist jetzt wer? Auch der plötzlich ins Spiel kommende „wahre Autor“ gibt an, „nur eine Rolle zu spielen“. Sind wir wirklich Karikaturen unserer selbst? Sehen oder gesehen werden. Nur eine Sache der Perspektive? „Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab“, zitiert der „Fremde“ schließlich Altmeister Shakespeare und hinterlässt ein angeregtes, aufgerührtes, begeistertes Publikum. Theater im besten Sinne!

Große Liebe zum darstellenden Detail Alle jungen Spieler verkörperten ihre Rollen authentisch, gestenreich und leidenschaftlich. Besonders gelungen ist dies Giulia Enste im Part der gefrusteten Ehefrau „Renate“. Die Haare strähnig im Gesicht, der Blick leer ins ebensolche Weinglas gerichtet zeigt sie überzeugend alle Facetten eines zu scheitern beginnenden Lebens. Auch die in Aussicht stehende Wende, in Person von Latin- Lover „Mario“ inklusive erneutem Absturz, weil sich dieser Freundin Samantha zuwendet, zeigt die Schülerin mit großer Liebe zum darstellenden Detail: Anrührend der plötzliche Glanz in den Augen, als Mario der Frustrierten mit einer Einladung neue Perspektiven zu geben scheint.

Zwischenapplaus ernteten zudem Franziska Link als tatterige Seniorin, Jan Piontek als „Murat“ in „Ey, Kollega-Manier“ und Eric Neuhaus, als eiskalter Maffia- Boss mit wunderbarem Akzent. Auch die offenen Umbauten des knapp einstündigen Stücks taten der Inszenierung gut und unterstrichen die Aussage optisch. Diese machte die Komödie aus – die Handlungen der einzelnen Szenen ließen dazu noch gesellschaftskritische Komponenten einfließen. Themen wie Ausländerfeindlichkeit, Kriminalität und Lebenskrisen gaben den lebendig dargestellten Szenen zusätzliche Gewichtung.

Die Darsteller/innen: Mats Igler, Lisa-Marie Hauda, Jonas Schnabel, Franka Fabry, Jan Piontek, Giulia Enste, Philipp Horitzky, Franziska Link, Lukas Wagner, Elias Schaminet, Laura Heppelmann, Marina Rieck, Nick Kleeschulte, Wiebke Fabry, Eric Neuhaus, Malin Schulte, Peter Kleber, Ben Köhler, Julia Grafe, Mattis Schwarz, Jannik Fleig, Keanu Schleuter, ? iz

Soester Anzeiger vom 28.06.18.