„Fünf Sekunden vor zwölf“

Veröffentlicht am 20. Mai 2019

Meeresbiologe Dr. Udo Engelhardt zu Gast am Gymnasium Warstein

„Ihr seid wahrscheinlich die letzte Generation, die 50 bis 60 Jahre alt
wird.“ Oder: „Wir haben keine Zeit rumzueiern.“ Oder: „Wir stehen an der Klippe!“ All diese Sätze hörten die Stufe EF und Q1 des Europa-Gymnasiums Warstein vom Meeresbiologen Dr. Udo Engelhardt aus Soest bei seinem Vortrag über dem Klimawandel.

Leonie Weidlich, Warsteiner Anzeiger, 18.05.2019

Die Idee, den Biologen einzuladen stammte von Lehrerin Cornelia Brandt, die damit an die Aktion „Fridays for Future“ anknüpfen möchte. Udo Engelhardt unterzeichnete vor geraumer Zeit selbst bei „Scientists for Future“, klärt über den Klimawandel auf und zeigt das Gesamtbild der Auswirkungen.

Seine Präsentation startete damit, dass er erklärte, wie er selbst zu dem Thema gekommen ist. Einfluss hatte auf ihn Jacques Cousteau, der den Traum entstehen ließ, Meeresbiologe zu werden. Durch diesen Berufsweg kam er 1998 nach Seychelles, wo 95 Prozent der Korallen wegen des Korallbleichens gestorben sind. Das passiert, wenn die Wassertemperatur zu hoch ist. Alle Kreaturen haben nämlich physiologische Limits. Das des Menschen liegt bei 36 Grad, das von Korallen bei 31 Grad – und schon ein Grad Veränderung kann zum Tode führen.
So sprach Engelhardt über das riesige Great Barrier Reef: Eine Prognose hätte aufgezeigt, dass 2050 dieses Korallenbleichen einsetzen werde. Erschreckenderweise seien aber bereits 2016 60 Prozent des Riffes gestorben.

„Was verbindet denn Korallen und Kanarienvögel?“, fragte Engelhardt die Schüler. Kanarienvögel dienten im Bergbau als Warnung, wenn der CO2-Gehalt zu hoch war. Korallen tun dies genauso, jedoch hört die Menschheit nicht auf diese ausdrückliche Warnung. Dazu passend wurde eine Grafik gezeigt, die verdeutlicht, dass 2019 der Höchstwert an CO2 gemessen wurde. Dazu betonte der Wissenschaftler, dass es keinen Zweifel gebe, dass dieses CO2 vom Menschen komme, da man genau sagen könne, welcher Partikel woher komme.

Darauf folgten fünf größere Themen aus den letzten Jahren, die für Udo Engelhardt sehr aussagekräftig waren. Zum ersten wäre da der Sommer 2018. Eine unglaubliche Hitzewelle war über das Land gegangen. Hätte diese zwei Wochen länger gedauert, so wäre die Wasserversorgung im Ruhrgebiet zusammengebrochen, meinte er.
Das physiologische Limit des Menschen liegt bei 36 Grad, und jetzt schon seien deshalb große Teile Asiens und im nahen Osten unbewohnbar. Seit 1970 steige die Durchschnittstemperatur stetig, und Extremausschläge würden zur Norm. Europa lag letztes Jahr 2,5 Grad über dem Durchschnitt, Deutschland sogar 4 Grad. „Wir sind mittendrin“, so Engelhardt, „Die Ozeane retteten uns, da sie in den letzten 150 Jahren 90 Prozent der CO2 Wärme aufgenommen haben.“ Die Arktis erwärme sich doppelt so schnell wie der Rest, und selbst das „ewige Eis“ in Grönland sei 2018 erstmals geschmolzen. Sollte dieses komplett weiter schmelzen, so würde der Meeresspiegel um acht Meter ansteigen. Zudem entstünde in der Arktis der ‘Albedo Effekt’: Bei intaktem Eis sorgt die Albedo für eine starke Rückstrahlung der eingestrahlten Sonnenenergie. Schmilzt das Eis, dringt die Sonnenstrahlung in das dunkle Wasser vor, die Strahlung wird absorbiert, das Wasser erwärmt sich, die Reflexion nimmt also ab. Deshalb blieben die Wetter Systeme „kleben“ und es komme zu Extremausschlägen. So würde US Präsident Donald Trump auf den Klimawandel warten, damit die extreme Kälte vorbei gehe, obwohl genau diese eine Auswirkung des Wandels sei.

Momentan liegt Deutschland 1,1 Grad über dem Durchschnitt, durch die Meere werde sich diese Temperatur um noch 0,5 Grad erhöhen. Der „Point of no return“ liege bei 2 Grad. Und wenn es mit dem CO2 -Ausstoß so weiter gehe wie momentan, werde dieser in 15 bis 20 Jahren erreicht sein.
„Wir sind gerade dabei, ein globales Klima zu schaffen, das es schon einmal auf der Erde gab, und zwar zu Zeiten eines der größten Artensterben in der Erdgeschichte“, erinnerte der Biologe mit Blick auf die Dinosaurier. Wenn von nun an überhaupt keine Emissionen mehr produziert würden, so hätten wir 2050 zu 66 Prozent die Chance, dass die Temperaturerhöhung unter 2 Grad bleibe. Die erschreckende Wahrheit dazu: „Wir haben keine Zeit rumzueiern“, appellierte er an die Schüler. „Ihr seid wahrscheinlich die letzte Generation, die 50 bis 60 Jahre alt wird.“

Zuletzt wurde ein Blick auf die UN-Klimakonferenz geworfen. Sein „Highlight“ dort war die junge Umweltaktivistin Greta Thunberg, das ‘Lowlight’ die Tatsache, dass die Länder, die am meisten Öl produzieren, den Bericht nicht beachten würden. Es sei ein globales Problem, somit gäbe es globale Auswirkungen und deshalb brauche man auch eine globale Lösung.

„Was können wir tun?“, stand als Frage im Raum. Im Endeffekt seien die nächsten fünf bis zehn Jahre entscheidend, denn“ „Wir stehen an der Klippe!“ Das Individuelle werde nicht reichen, und es gäbe nur noch wenig Möglichkeiten, das metaphorische Ruder herumzureißen.
Rund 71 Prozent der Emission gehe auf 100 Konzerne zurück, und die Öl- Firmen würden Gelder geben, damit die Politik nichts ändert. Diese werden wiederum von Banken gefördert, die seit dem Pariser Klimaabkommen 2015, 5 Billionen US-Dollar gegeben hätten zur Förderung des Abbaus. Somit sei, so Engelhardt, alles sinnlos, wenn die Politik so etwas weiterhin erlaube. Als positives Beispiel führte er die CO2 -Steuer an, die zum Beispiel in Australien wunderbar funktionieren würde.

„Seid euch bewusst der Macht, die in euch sitzt. Die Ansätze sind da“, betonte Engelhardt. Wichtig sei abschließend für ihn, dass über die Klima-Krise gesprochen wird, denn viel zu wenige wüssten darüber Bescheid. Auch die Politik habe versagt, „Fridays for Future“ würde das verdeutlichen.
„Wir sind nicht fünf Minuten vor zwölf, sondern fünf Sekunden“, sei die erschreckende Wahrheit. „Ein gesellschaftlicher Kipp-Punkt muss vor dem Klima Kipp-Punkt geschehen.“ Die Frage sei, wann dieser Gedanke bei allen Menschen ankomme.

Lehrerin Cornelia Brandt (4. v. l.) hatte den Meeresbiologen Udo Engelhardt (r.) eingeladen.