Diskussion, Smalltalk und Selfies

Veröffentlicht am 31. Januar 2023

Landtagspräsident André Kuper zwei Stunden zu Gast im Europa-Gymnasium

Andre Kuper im Gespräch mit Oberstufenschülerinnen und -schülern des Europa-Gymnasiums Warstein

„Wichtig ist, dass wir rausgehen und auf Augenhöhe mit den jungen Menschen diskutieren.“ Und genau dafür nahm sich am Montagvormittag Landtagspräsident André Kuper zwei Stunden Zeit – nicht nur für die Diskussion mit den rund 80 Oberstufenschülerinnen und -schülern des Europa-Gymnasiums, sondern auch für den anschließenden Smalltalk und natürlich für reichlich Selfies. Der Politiker, er wohnt in Rietberg, genoss das Zusammentreffen mit der Jugend: „Ich mache das unheimlich gerne.“

Dass ihm das Projekt „Präsidium macht Schule“ besonders am Herzen liegt, betonte André Kuper am Montag immer wieder – und setzte es auch praktisch um. Ein Rednerpult, womöglich noch auf der Bühne? Bloß nicht, der Landtagspräsident möchte mitten rein ins Volk. Und so war im engen Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern auch das Eis schnell gebrochen. Wichtig war André Kuper, stets eine möglichst neutrale Position bei den Fragen zu politischen Themen einzunehmen, bekleidet er doch das höchste Amt im Landtag, steht an der Spitze der Landtagsverwaltung und führt die Geschäfte, leitet Sitzungen – dabei müsse er „überparteilich wirken“, wie er immer wieder betonte, denn er sei „Vertreter aller Parteien im Landtag“ und „nicht Repräsentant einer Partei“.

Christian Clewing, Warsteiner Anzeiger, 31.1.23

Die Demokratie

Wie Demokratie funktioniert, zeigte er gleich mit einem handfesten Beispiel: Die Abstimmung der Schülerinnen und Schüler nach der Du- oder Sie-Anrede wurde mit einem deutlichen Du-Votum entschieden. „Demokratie ist toll“, so André Küper, sie sei aber nicht selbstverständlich. Sie funktioniere nur, wenn Bürgerinnen und Bürger sie mittragen und mitmachen. Dazu gehören auch unterschiedliche Meinungen, die man in Deutschland im Gegensatz beispielsweise zu Russland auch frei äußern dürfe. Die Schülerinnen und Schüler rief er auf, sich viel zu informieren und eigene Meinungen zu bilden: „Die Zeit, wo es einen gab, der sagte, was wir meinen sollen, ist zum Glück vorbei.“

Der Weg zur Politik

Er selbst wollte eigentlich nie Politiker werden, doch als ihm in seiner Heimatstadt „vieles nicht gefallen“ habe, hätte er nur zwei Möglichkeiten gesehen: sich entweder zurückzulehnen und zu schimpfen oder aber – „das war der schwierigere Weg“ – sich zu informieren, sich eine Meinung zu bilden und sich zu engagieren. In der Jugendorganisation der CDU setzte er sich für die Umweltpolitik ein, wurde nach der Schule und Ausbildung irgendwann Bürgermeister in Rietberg und wechselte dann in die Landespolitik. Warum er sich denn damals nicht bei den Grünen engagiert habe, wurde von Schülerseite hinterfragt. „Die CDU hat regiert und so konnte ich am ehesten etwas verändern“, so seine Erklärung – zudem habe es damals die Grünen „in der Fläche noch nicht gegeben“.

Der Lehrermangel

Inzwischen sitzen die Grünen mit im Landtag und als Koalitionspartner der CDU an den Schalthebeln der Macht. Was denn dort gegen den Lehrermangel getan werde, interessierte natürlich. Dass dies nicht nur ein NRW-Problem, sondern ein bundesweites sei, unterstrich André Kuper, ohne eine echte Lösung präsentieren zu können, lediglich Ansätze: mehr Studienplätze, gleiche Bezahlung unabhängig von der Schulform, Weiterbeschäftigung statt Ruhestand, die Weiterqualifizierung von Seiteneinsteigern und auch das einfachere und schnellere Anerkennen von ausländischen Lehrabschlüssen sind Ideen – aber: „Niemand von uns kann Lehrerinnen und Lehrer herbeizaubern. Einmal schnippen und sie sind da, das geht nicht…“

Das Schulsystem

„In jeder Plenarsitzungswoche“ sei auch das Schulsystem Thema, so André Kuper. Dabei müsse man auch mal „Fehler korrigieren“, so der Landtagspräsident: „Ein schönes Beispiel“ sei da G8 und G9: „Das Parlament hat entschieden, das war ein Fehler und es wieder umgedreht“ – für „mehr Zeit zum Lehren und zum Lernen“.

Der Medizinsektor

Der Fachkräftemangel mache sich insbesondere auch im medizinischen Bereich bemerkbar. Mit mehr Studienplätzen („viel mehr Ärzte arbeiten in Teilzeit, daher brauchen wir mehr, um die gleiche Stundenzahl zu erreichen“) und mit der Landarzt-Quote (Studienplatz ohne NC bei der Verpflichtung, einen gewissen Zeitraum auf dem Land zu arbeiten) seien Lösungsansätze. Auch habe man bereits reagiert und Schulgebühren in einigen medizinischen Berufszweigen abgeschafft.

Die Energiekrise

„Wir waren energiemäßig ziemlich abhängig von Russland“, so Kuper, mehr als 50 Prozent der Gas-Menge sei von dort gekommen. Das dürfe nicht wieder passieren. Daher „müssen wir nachhaltiger werden“ – mit „mehr Windenergie, mehr Photovolatik, mehr Erdwärme“. Wichtig sei, gerade mit Blick auf die Windkraft, die Bürgerinnen und Bürger intensiv zu beteiligen und dafür zu sorgen, dass „die Erträge mehr in den kommunalen Haushalten auftauchen“. Das Deckeln der Energiepreise begrüßte er. Er habe die Hoffnung auf sinkende Preise – „mittelfristig werden wir wieder auf ein normales Preisniveau kommen“. Er ist sich aber auch sicher: „Ganz so wie früher wird es nicht mehr sein.“

Die Klimakleber

Beim Thema Energie war auch der Bogen zur Kohle nur ein kurzer: Wie er denn zu Lützerath, dem Protest und zu den Klimaklebern stehe, interessierte die Schüler. Ein Fachausschuss untersuche derzeit, „was schiefgelaufen ist“. Zum Glück gebe es viel Filmmaterial dazu. Ursprünglich sollten fünf Dörfer abgerissen werden, durch den Kohleausstieg schon 2030 reduziert sich die Anzahl auf ein Dorf. „Ein Kompromiss“, wie Kuper betonte, aber das sei eben auch Demokratie, dass man sich angleichen und damit leben müsse. Gerade in diesem Bereich seien „dicke Bretter zu bohren“ – wer das möchte, dürfe und könne das tun. Dabei solle man aber „Formen finden im Rahmen geltenden Rechts“, so der Politiker.

Der Privatmann

Nicht alle gestellten Fragen wollte der Landtagspräsident in großer Runde am Mikrofon beantworten, schließlich sei er neutraler Repräsentant des Landtags. Dass er gegen jede Form von Drogen sei und dass er die Lieferung von Waffen an die Ukraine zur Verteidigung gegen den russischen Angriffskrieg befürworte, erfuhren die Jugendlichen daher anschließend „beim Rausgehen in der Tür“. Und als Privatmann beantworte André Kuper natürlich auch die Fragen zu seinen Autos – dienstlich ist er mit einem 7er Hybrid-BMW unterwegs, privat mit einem 3er und einem Mini-Cooper-Cabrio. Mit letzterem habe er sich einen Jugendtraum erfüllt, wie er gestand.

Fotos von Christian Clewing:

Diesen Beitrag teilen: