Deutschlands Rolle in der Weltordnung

Veröffentlicht am 8. März 2019

Tobias Matern zu Gast im Europa-Gymnasium

Wieder einmal ist es dem Verein der Freunde und Förderer des Hauses Kupferhammer gelungen, einen namhaften Journalisten für ein hoch aktuelles Thema zu gewinnen. Nachdem Tobias Matern, außenpolitischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung, am Sonntagabend in einer öffentlichen Veranstaltung im Haus Kupferhammer über „Deutschlands neue Rolle in der Weltunordnung“ spricht, refereriert er am Montagmorgen vor Schülerinnen und Schülern unserer Oberstufe und stellt sich anschließend deren Fragen (3./4. Std. im Forum).

Der Referent studierte Politikwissenschaft in Berlin und besuchte anschließend eine Journalistenschule in den USA. Dort berichtete er 2004 über die Wiederwahl von George W. Bush, wurde dann Volontär und schließlich Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Mehrere Jahre war er Korrespondent für Süd- und Südostasien mit Sitz in Delhi und Bangkok. Regelmäßige Recherche-Reisen führten ihn in die Krisenländer Afghanistan und Pakistan. Heute ist er zuständig für die Themenschwerpunkte Asien und internationale Sicherheit. So begleitete er zuletzt auch die Sicherheitskonferenz in München, deren Signale auch in Warstein zur Sprache kommen werden.

Im Kalten Kriegen hatten Ost- und Westdeutschland ihre außenpolitisch klar definierten Rollen. Während die Bundesrepublik erst unter Adenauer die Westbindung und später unter Brandt die Annäherung an den Osten praktizierte, war Ostdeutschland als Mitglied des Warschauer Paktes von zentralem strategischen Interesse für die Sowjetunion.

In der Bundesrepublik galt außen- und sicherheitspolitisch die Maxime, sich dem „wohlmeinenden Hegemon“ USA zu unterwerfen. Gemeint ist: Washington gab die Regeln vor, denen sich Bonn beugte. Schließlich bedeutete die Gefolgschaft den von den Amerikanern garantierten nuklearen Schutz, und das von den Amerikanern nach Deutschland gebrachte demokratische Wertesystem wurde eine Stütze für die BRD. Außen- und sicherheitspolitisch war Deutschland im Nato-System, das den Gedanken kollektiver Sicherheit seiner Mitglieder praktiziert, aus Sicht der Fachwelt ein „Trittbrettfahrer“. Die Bundesregierung profitierte zwar vom Einstehen anderer Nationen für die Sicherheit der Bundesrepublik, sie musste sich im Zweifel und unter Verweis auf die deutsche Gesichte aber selbst nicht an militärischen Einsätzen beteiligen. Dieses Defizit wurde in der prosperierenden Bundesrepublik den Partnern gegenüber durch Geld kompensiert: Es entstand der Begriff der „Scheckbuchdiplomatie“, die die westdeutsche Außenpolitik prägte.

All dies kam mit dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges ins Wanken: Wie der Krieg in den 1990er Jahren im zerfallenen Jugoslawien und vor allem 1998 der Kosovo-Einsatz zeigte, wurde international vom wiedervereinigten Deutschland rasch deutlich mehr Verantwortung eingefordert – nicht mehr nur mit dem Scheckbuch, sondern auch mittels aktiver militärischer Beteiligung. Deutsche Diplomaten, die die damalige Zeit begleitet haben, sagen heute: Deutschland hat seine außenpolitische Unschuld endgültig in Afghanistan verloren, wo deutsche Soldaten Tausende Kilometer entfernt von der Heimat kämpften und starben – aus Gefälligkeit für die am 11. September 2001 attackierten Amerikaner. Allerdings hat sich Berlin für diesen Einsatz zunächst keine eigenen Motive zurechtgelegt; es ging nur um Bündnissolidarität mit Washington und nicht um ein klar formuliertes eigenes Interesse.

Afghanistan und der deutsche Einsatz stehen bis heute für eine verpasste Chance, eine klare außenpolitische Haltung zu definieren. Leitfrage dafür: Wann sieht Deutschland es als gerechtfertigt an, auch Gewalt als Mittel seiner Außenpolitik einzusetzen? In der jüngeren Vergangenheit hat diese Debatte Fahrt aufgenommen, fordern in letzter Zeit unter anderem auch Bundespräsidenten, dass deutsche Interessen notfalls militärisch durchgesetzt werden müssten. Gemeint ist damit sicher nicht im Alleingang, sondern in Zeiten von Donald Trump in einem stärkeren Europa. Wäre das der Weg für eine stärkere deutsche Außenpolitik?

Warsteiner Anzeiger, 2.3.2019